Der Markt für Bestattungen befindet sich in einem stetigen Wandel. Viele Jahrzehnte lang war die klassische Erdbestattung der übliche Weg. Heute rückt dieser Brauch schrittweise in den Hintergrund. Immer mehr Menschen wünschen sich stattdessen eine nachhaltige und pflegefreie Alternative für die letzte Ruhe.
Für die Unternehmen in dieser traditionsreichen Branche bedeutet das eine spürbare Umstellung. Bewährte Geschäftsmodelle müssen an die veränderten Wünsche der Kunden angepasst werden. Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist die Baumbestattung. Dabei werden biologisch abbaubare Urnen in speziell dafür vorgesehenen Waldgebieten beigesetzt.
Dieses Konzept verbindet den Wunsch nach einem Platz in der Natur mit einem klaren praktischen Nutzen: Es fällt später keine langfristige Grabpflege an. Im folgenden Interview teilt Peter Kramer, Gründer und Prokurist von Abschied Bestattungen, mit 14 Standorten in und um München, seine Erfahrungen aus der Praxis. Das Gespräch gibt Einblicke in die aktuellen unternehmerischen Herausforderungen und beleuchtet die wirtschaftliche Bedeutung von ökologischen Bestattungsformen.
Veränderungen in einer traditionellen Branche
Gründertalk:
Die Nachfrage nach alternativen Beisetzungsformen nimmt spürbar zu, während klassische Sargbestattungen seltener werden. Wie genau spiegelt sich diese Entwicklung im aktuellen Marktgeschehen wider? Welche konkreten Verschiebungen in den Kundenwünschen lassen sich im Berufsalltag eines Bestattungsunternehmens in den vergangenen Jahren am deutlichsten beobachten?
Geschäftsführung von Abschied Bestattungen:
Mit der Zunahme der Feuerbestattung hat sich in den letzten Jahren auch die Nachfrage nach alternativen Bestattungsformen deutlich erhöht etwa nach Seebestattung, Flugbestattung oder Wald- und Baumbestattung. Auch anonyme Urnenbeisetzungen werden immer öfter gewünscht, da viele Angehörige heute Wert auf eine einfache, würdevolle Form des Abschieds legen. Häufig erreicht uns außerdem die Anfrage nach der sogenannten „Urne nach Hause“. Das ist in Deutschland – mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz rechtlich nicht möglich, sondern nur über einen Umweg über das Ausland, zum Beispiel über die „Oase der Ewigkeit“ in der Schweiz. Ein weiterer Trend, den wir sehr stark spüren, sind die zahlreichen Anfragen nach Erinnerungsschmuck, der unter Verwendung von Elementen der oder des Verstorbenen individuell angefertigt wird.
Ökologie und Wirtschaftlichkeit im Einklang
Gründertalk:
Nachhaltigkeit ist mittlerweile in fast allen Wirtschaftszweigen ein zentrales Thema. Ein Grab im Wald gilt als besonders naturnah. Inwiefern erweist sich dieses Konzept der Baumbestattung als zukunftsfähiges Geschäftsmodell, das ökologische Anforderungen mit der notwendigen wirtschaftlichen Tragfähigkeit für den Betrieb erfolgreich verbinden kann?
Geschäftsführung von Abschied Bestattungen:
In unserer Region gibt es mittlerweile diverse Friedwälder, Waldruh-Wälder und Ruheforst-Flächen, in denen Angehörige die Urnen ihrer Verstorbenen beisetzen lassen möchten. So sehr ich auch die Vorteile dieser Bestattungsart sehe, so ist diese Entwicklung für uns als Bestattungsunternehmen allerdings des Öfteren mit Umsatzeinbußen verbunden. Denn viele Leistungen wie Dekoration, Musik oder Schmuckurne, die früher fest zum Leistungsspektrum eines Bestattungsunternehmens gehörten, werden den Angehörigen beim Kauf des Baumplatzes gleich vom jeweiligen Bestattungswald mitverkauft, so dass diese wichtigen Umsatzbestandteile für uns entfallen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist die Waldbestattung für uns daher aktuell eher ein Nachteil als ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell. Diese Entwicklung dürfte sich in den kommenden Jahren noch verschärfen: So hat etwa der Naturfriedhof Ammersee in Greifenberg, einer der Wälder in unserer Nähe, bereits einen Antrag gestellt, um vor Ort ein eigenes Krematorium errichten zu dürfen was die Wertschöpfung noch stärker in Richtung der Waldbetreiber verlagern würde.
Lokale Expertise im überregionalen Wettbewerb
Gründertalk:
Eine Spezialisierung auf bestimmte Nischen erfordert genaue Kenntnisse der regionalen Gegebenheiten und Abläufe. Auf dem Markt gibt es mittlerweile auch viele große, überregionale Anbieter. Wie gelingt die erfolgreiche Positionierung als Experten für Baumbestattungen aus München in einem solch dynamischen und wachsenden Marktumfeld?
Geschäftsführung von Abschied Bestattungen:
Bestattungswälder liegen meist in unterschiedlichen Land- beziehungsweise Stadtkreisen und von werden von Angehörigen ganz bewusst nach regionalen Kriterien ausgewählt werden etwa nach Nähe zum Wohnort oder zu einem bedeutsamen Ort. Dadurch entsteht kaum eine direkte Konkurrenzsituation zwischen Anbietern, die denselben Wald betreuen. Allgemein gilt, ob regionaler oder überregionaler Anbieter: Wer im Markt bestehen will, musss für die Menschen vor Ort da sein. Regionale Nähe und persönliche Beratung vor Ort geben nach wie vor den Ausschlag.
Neue Wege der Trauerbewältigung
Gründertalk:
Ein Platz im Bestattungswald bedeutet den bewussten Verzicht auf Grabsteine, Kerzen oder klassischen Blumenschmuck. Diese Einschränkungen bei der Gestaltung verändern den Ort der Erinnerung grundlegend. Wie wird diese Vorgabe von der Kundschaft angenommen und welche alternativen Rituale treten erfahrungsgemäß an diese Stelle?
Peter Kramer, Geschäftsführung von Abschied Bestattungen:
Die meisten Bestattungswälder bieten inzwischen eigene Alternativen zur klassischen Grabgestaltung an, etwa gemeinschaftliche Stelen mit den Namen der Verstorbenen oder kleine Marken direkt am Baum, die den Platz kennzeichnen. Das nehmen die Angehörigen in der Regel gut an, da es trotz des Verzichts auf Grabstein und Blumenschmuck einen sichtbaren, persönlichen Bezugspunkt schafft. An die Stelle klassischer Grabpflege treten dabei eher informelle, wiederkehrende Rituale. Ich erlebe zum Beispiel, dass der sonntägliche Spaziergang zu einem festen Bestandteil der Trauerbewältigung wird der dann ganz selbstverständlich in den Bestattungswald führt, nicht selten auch gemeinsam mit dem Familienhund. Der Ort der Erinnerung verlagert sich so von einer festen Grabstelle hin zu einem gelebten, in den Alltag eingebundenen Erinnerungsritual.
Hürden und Potenziale für die Zukunft
Gründertalk:
Der Wunsch nach Naturbestattungen wird voraussichtlich weiter wachsen. Ein Ausbau dieser Angebote bringt jedoch rechtliche und organisatorische Herausforderungen mit sich, da nicht jeder Wald dafür geeignet ist. Welche regulatorischen oder logistischen Hürden gilt es künftig zu meistern, um diese naturnahen Konzepte weiter zu etablieren?
Geschäftsführung von Abschied Bestattungen:
Nicht jeder Wald eignet sich für eine Zulassung als Bestattungswald es gibt eine ganze Reihe von infrastrukturellen und naturräumlichen Vorgaben, die erfüllt sein müssen. Neben einem Mischwaldbestand, der ökologisch stabil und langfristig als Bestattungsort geeignet ist, zählt dazu unter anderem eine günstige Verkehrsanbindung mit ausreichend Parkplätzen, damit der Wald für Trauernde und Besucher gut erreichbar ist. Eine wichtige Rolle spielt heutzutage auch eine gute Netzabdeckung etwa für die Navigation oder für die Kommunikation vor Ort. Beim zukünftigen Ausbau solcher naturnahen Konzepte müssen also nicht nur ökologische, sondern auch ganz praktische logistische Aspekte von Anfang an mitgedacht werden.
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